Türkische Militäroffensive in Nordsyrien 2019

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Türkische Militäroffensive in Nordsyrien 2019
Datum seit 9. Oktober 2019
Ort De facto SA-NES Flag.svg Demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien
Ausgang offen
Konfliktparteien

Flag of Turkey.svg Türkische Streitkräfte

Free syrian army coat of arms.svg Freie Syrische Armee

Flag of Syrian Democratic Forces.svg Demokratische Kräfte Syriens
Flag of the Syrian Arab Armed Forces.svg Syrische Streitkräfte[1]

Befehlshaber
  • TurkeiTürkei Hulusi Akar (Verteidigungsminister)
  • TurkeiTürkei Yaşar Güler (Oberbefehlshaber)
  • TurkeiTürkei Sinan Yayla (Kommandeur 2. Armee)
  • Mazlum Kobani[3]
  • Riad Khamis al-Khalaf
Truppenstärke
14.000 (FSA)[4]
Verluste

laut Türkei: (13.10.)[5][6]
TurkeiTürkei 4
Free syrian army coat of arms.svg 16


laut SOHR: (14.10.)[7]
TurkeiTürkei 8
Free syrian army coat of arms.svg 81

laut Türkei: (14.10.)
Flag of Syrian Democratic Forces.svg 560[8]


laut SOHR: (14.10.)
Flag of Syrian Democratic Forces.svg 112[7]


laut SDF: (13.10.)
Flag of Syrian Democratic Forces.svg 45[9]

88 zivile Todesopfer (Stand: 13. Oktober 2019)

Die türkische Militäroffensive in Nordsyrien 2019 ist eine militärische Operation der türkischen Streitkräfte in den nördlichen Provinzen Syriens. Sie begann am 9. Oktober 2019 mit Luft- und Artillerieangriffen und wurde am folgenden Tag mit einem Einmarsch türkischer Bodentruppen und verbündeter Milizen auf syrisches Staatsgebiet fortgesetzt. Die türkische Führung bezeichnet den Einsatz als „Operation Friedensquelle“ (türkisch Barış Pınarı Harekâtı). Während sie die Invasion als Selbstverteidigung gegen eine terroristische Bedrohung und als völkerrechtskonform bezeichnet, wird der Angriff von Kritikern als völkerrechtswidrig verurteilt.[10]

Hintergrund und Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Rebellionen in Syrien im Jahr 2011, die zum syrischen Bürgerkrieg führten, errangen die von kurdischen Milizen (YPG) dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), die von der NATO, in der die Türkei selbst Mitglied ist, unterstützt werden, die Kontrolle über die an die Türkei grenzenden syrischen Gebiete, die vorher unter der Herrschaft der Terrororganisation Islamischer Staat standen. Dort wurde die Demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien etabliert. Dies wurde von der türkischen Regierung jedoch als Bedrohung empfunden, da sie die YPG als Ableger der PKK betrachtet, welche wiederum als Terrororganisation eingestuft wird, und ein autonomer Kurdenstaat aus Sicht der türkischen Regierung Autonomiebestrebungen in Regionen der Türkei stärken könnte, in denen mehrheitlich Kurden leben.[11] Eine erste türkische Militäroffensive in Nordsyrien 2016/17 sollte die Entstehung eines zusammenhängenden Gebiets unter SDF-Kontrolle entlang der türkischen Grenze verhindern. Bei einer weiteren türkischen Invasion 2018 wurde Afrin erobert.

Bereits im Dezember 2018 kündigte der türkische Präsident Recep Erdoğan einen Einmarsch in die von den SDF gehaltenen Gebiete östlich des Euphrats an, verschob die geplante Offensive dann aber auf die Zeit nach dem Abzug der US-Truppen. Dieser Abzug sollte ursprünglich 60 bis 100 Tage dauern.[12] Im Januar 2019 gab der Nationale Sicherheitsberater John Bolton allerdings bekannt, dass für einen Truppenabzug die Sicherheit der US-Verbündeten in Syrien gewährleistet sein müsse.[13] Ende Juli 2019 drohte die türkische Regierung erneut mit einem Einmarsch, nachdem zuvor Gespräche mit den USA über die Einrichtung einer Pufferzone gescheitert waren.[14] Diese solle, so der Wunsch der türkischen Regierung, 30 bis 40 Kilometer breit sein; die USA wiesen die Einmarschpläne zurück[15] und beschlossen zusammen mit der Türkei nach weiteren Verhandlungen die Schaffung eines Koordinierungszentrums zum Aufbau einer Sicherheitszone noch unbekannter Größe,[16] was von der syrischen Regierung als Verletzung der syrischen Souveränität kritisiert wurde. Nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums solle die Zone auch die Rückkehr syrischer Flüchtlinge aus der Türkei ermöglichen[17] – die Rede ist von der Ansiedlung von bis zu drei Millionen Flüchtlingen[18] –, weshalb in der Wochenzeitung Die Zeit vor der Möglichkeit von Vertreibungen und „ethnischer Flurbereinigung“ gewarnt wurde, wie sie schon in Afrin stattgefunden hätten.[19]

Gemeinsame US-amerikanische und türkische Patrouille am 4. Oktober 2019 in Nordsyrien

Ab September 2019 führten türkische und US-Truppen gemeinsame Patrouillen im syrischen Grenzgebiet zur Türkei durch.[20][21] Nachdem es aber nicht zur Einrichtung einer Sicherheitszone gekommen war, kündigte Erdoğan am 5. Oktober erneut einen Einmarsch an.[22] Am 7. Oktober zogen die USA auf Befehl Donald Trumps schließlich ihre Truppen aus dem Gebiet ab. Sie kündigten zwar an, die geplante Militäroffensive nicht zu unterstützen und sich daran auch nicht zu beteiligen,[23] jedoch soll US-Präsident Trump seinem Amtskollegen Erdoğan in einem Telefonat – ohne Absprache mit seinen Sicherheitsberatern – grünes Licht für die Offensive gegeben haben. Hieran gab es in den Vereinigten Staaten heftige Kritik, sowohl von den Demokraten, als auch aus Trumps eigener Partei, den Republikanern, die dies als Verrat an den eigenen Verbündeten sahen.[24] Die SDF selbst bezeichneten den Entschluss als „Dolchstoß“ in ihren Rücken. Trump wehrte sich gegen den Vorwurf, die Kurden im Stich gelassen zu haben u. a. mit dem Argument, diese hätten nur gegen den IS gekämpft, um ihr eigenes Territorium zu erhalten, und den USA auch nicht im Zweiten Weltkrieg geholfen.[25] Per Tweet kündigte er an, die türkische Wirtschaft zu „zerstören“, sollte die Türkei in Syrien „zu weit gehen“.[26][27] Zudem gab er an, die Kurden weiter unterstützen zu wollen.[28]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kämpfe in der Grenzstadt Raʾs al-ʿAin am 10. Oktober 2019
Chronologie des Verlaufs der Frontlinie, ab Oktober 2019

Die türkische Offensive mit dem Namen „Operation Friedensquelle“ begann am 9. Oktober 2019.[29] In den Wochen davor hatten die türkischen Streitkräfte Truppen an der Grenze zu Syrien zusammengezogen. Auf der anderen Seite rief die Autonomieverwaltung der Region das „Volk aus allen ethnischen Gruppen auf, sich in die Gebiete an der Grenze zur Türkei zu bewegen, um Widerstand während dieser sensiblen historischen Zeit zu leisten“.[30][31]

Türkische Artillerie- und Luftangriffe eröffneten die Offensive, dabei wurden nach SDF-Angaben auch zivile Ziele getroffen.[32] Kurdische Behörden riefen als Reaktion die Generalmobilmachung aus. SDF-Kämpfer hoben Gräben aus, blockierten Straßen und bereiteten Reifenlager vor, um sie bei Bedarf in Brand zu setzen, damit der entstehende Rauch den von der Türkei verwendeten Drohnen die Sicht nimmt.[33] Nach Aussagen des türkischen Verteidigungsministeriums hatte man 181 Stellungen im Grenzgebiet aus der Luft und mit Artillerie zur Vorbereitung der Bodenoffensive angegriffen.[4] Analysten werteten die Angriffe aus und kamen zu dem Schluss, dass die Türken auf 300 km Länge und in eine Tiefe von bis zu 50 km hinter der syrischen Grenze Ziele bombardiert hatten.[34]

Die Türken setzten bei der dann folgenden Bodenoffensive wieder auf Angehörige syrischer Islamistengruppen, die unter dem Sammelbegriff „Freie Syrische Armee“ die Vorhut der regulären türkischen Armee bildeten.[35] Das türkische Verteidigungsministerium verkündete noch am 10. Oktober, dass man mit türkischen Bodentruppen und verbündeten Milizen nach Syrien in das Gebiet östlich des Euphrats einmarschiert sei.[4] Kurdische Stellen bestätigten zahlreiche Angriffe und gaben ihrerseits an, einen Vorstoß türkeitreuer Bodentruppen bei Tall Abyad abgewiesen zu haben. Amerikanische Truppen veranlassten unterdessen offenbar die Verlegung ausgewählter IS-Kämpfer aus dem von Kurden bewachten Gefangenenlager bei al-Haul, um eine mögliche Flucht der Kämpfer im Durcheinander der türkischen Offensive zu verhindern.[4] Verschiedene Seiten warnten vor einem Wiedererstarken des IS – unter anderem durch Gefängnisausbrüche – aufgrund des türkischen Angriffs, der die SDF dazu veranlasste, Anti-IS-Operationen einzustellen und militärisches Personal nach Norden zu verlegen. IS-Schläferzellen hätten ebenfalls bereits Angriffe gestartet,[36] und befreite IS-Angehörige könnten sich auf den Weg nach Europa machen oder von der Türkei für den Kampf gegen die SDF rekrutiert werden.[37] Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge berichtete, dass zehntausende Zivilisten vor den Kämpfen fliehen würden, und mehrere Hilfsorganisationen warnten vor der Unterbrechung von Hilfsleistungen an 1,65 Millionen im Norden und Osten Syriens lebende Flüchtlinge.[38]

Die kurdische Führung rief die EU und die Vereinigten Staaten dazu auf, sie nicht im Stich zu lassen. In einer Erklärung hieß es: „Wer uns nicht hilft, der unterstützt die Offensive.“

In Manbidsch, westlich des Euphrats, war zunächst noch ein amerikanisches Truppenkontingent präsent, und Beobachter schätzten, dass syrische Regierungstruppen versuchen würden, die Stadt vor den Türken zu besetzen, sollten die Amerikaner abziehen.[34] In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober teilte das Pentagon mit, dass in Syrien stationierte US-Truppen offenbar von türkischer Artillerie beschossen worden seien. Die Türkei dementierte und verteidigte ihr Vorgehen; der Angriff habe kurdischen Terroristen gegolten.[39][40]

Am 12. Oktober gaben türkische Stellen die Besetzung der Stadtmitte der Grenzstadt Raʾs al-ʿAin durch verbündete Milizen bekannt.[41] Weiter seien 14 Dörfer „befreit“ worden.[42] SOHR-Aktivisten meldeten neun Zivilisten, die offenbar von türkeitreuen Milizen ermordet wurden, darunter nach kurdischen Angaben die Lokalpolitikerin Hevrin Khalaf von der Future Syria Party.[43]

Am 13. Oktober wurde nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte und kurdischer Milizen der Ort Raʾs al-ʿAin von Kämpfern der SDF zurückerobert. Im Ort Suluk nahe Tal Abjad hingegen seien türkische Truppen und FSA-Kämpfer vorgerückt. Die Zahl der durch die Kämpfe Vertriebenen stieg nach Angaben des UNO-Büros zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten auf 130.000 Menschen an. Die UNO rechnete damit, dass durch die Kämpfe insgesamt bis zu 400.000 Syrer ihre Heimat verlieren könnten.[44][45] Nach kurdischen Angaben flohen 750 Frauen und Kinder, die dem IS nahestehen und im Lager Ain Issa von Kurden bewacht wurden, als türkisches Artilleriefeuer in der Nähe niederging. SOHR-Aktivisten setzten die Zahl der Geflohenen mit etwa 100 deutlich niedriger an.[46] Am selben Tag wurde berichtet, dass sich die SDF mit der syrischen Regierung darauf geeinigt hätten, die syrische Armee innerhalb von zwei Tagen in Kobanê und Manbidsch einrücken zu lassen, um der türkischen Invasion zu begegnen.[47] Kurdische Kämpfer verhinderten nun nach US-Angaben, dass amerikanische Soldaten weitere IS-Kämpfer aus den von Kurden bewachten Gefängnissen fortschaffen konnten.[48]

Am 14. Oktober erhielten die rund 1000 noch in Nordsyrien stationierten US-Truppen den Befehl, das Land zu verlassen, syrische Regierungstruppen rückten in mehrere bisher von den SDF gehaltene Städte ein.[49][50]

Bilanz und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

International wird die Offensive weitestgehend negativ bewertet, da die türkische Regierung ohne Mandat des UNO-Sicherheitsrats in den Krieg zog. Des Weiteren werden die Kurden vor allem im Westen als wichtige Garanten des Friedens in der Region betrachtet. Auch die Sorge, dass der IS durch das allgemeine Chaos in einem Krieg wiedererstarken könnte, ist international groß.

Syrische Regierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die syrische Regierung von Baschar al-Assad lehnte Verhandlungen mit den SDF zunächst ab. Ein stellvertretender syrischer Minister erklärte der Presse, dass man nicht mit bewaffneten Gruppen spreche, die ihr Land verraten und Verbrechen dagegen begangen hätten. Mit Gruppen, die Geiseln ausländischer Mächte in Syrien seien, könne man keinen Dialog akzeptieren. Es werde in Syrien niemals einen Brückenkopf für US-amerikanische Agenten geben.[51]

Internationale Reaktionen und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die im UNO-Sicherheitsrat vertretenen europäischen Staaten (Vereinigtes Königreich, Frankreich, Belgien, Deutschland und Polen) beantragten eine Sondersitzung, um über das Vorgehen bezüglich der Offensive zu beraten.[52]

Der UNO-Sicherheitsrat erwies sich bei seiner Sitzung am 11. Oktober als unfähig, einen Beschluss zum türkischen Angriff zu fassen. Eine offizielle Verlautbarung nach dem Ende der Ratssitzung blieb aus. Die US-Vertreterin Kelly Craft teilte mit, dass man die Türkei nicht zu dem Angriff ermächtigt habe und reagieren werde, wenn die Türkei „zu weit“ gehe. Der Vertreter Russlands Wassili Nebensja bestand auf einem weiter gefassten Ansatz, der den größeren Rahmen des gesamten Krieges betreffen müsse und nicht nur die türkische Offensive.[51]

Am 10. Oktober 2019 stoppte die norwegische Regierung Waffenexporte an die Türkei,[53] dem schlossen sich in den folgenden Tagen die Niederlande[54], Schweden, Finnland[55], Frankreich[56] und Deutschland an, das Waffenexporte in die Türkei nach Angaben der Bundesregierung bereits seit 2016 sehr restriktiv handhabt.[57]

Am 11. Oktober 2019 forderte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu Solidarität von den anderen Mitgliedern der NATO. Frankreich reagierte darauf mit der Drohung, EU-Sanktionen gegen die Türkei zu verhängen. Der stellvertretende deutsche Botschafter bei der UNO, Jürgen Schulz, warnte im Zusammenhang mit der Offensive vor einem Flächenbrand in der Region.[51]

Der Generalsekretär der Arabischen Liga Aboul Gheit bezeichnete die Pläne der Türkei, einen Sicherheitsstreifen zu schaffen, in dem in der Türkei untergebrachte Flüchtlinge angesiedelt werden sollen, als mögliche ethnische Säuberung und kritisierte auch die Verwendung von Flüchtlingen als Drohmittel gegen Europa.[58]

Bei einem Telefonat am 13. Oktober 2019 forderte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den türkischen Präsidenten Erdoğan auf, die Operation umgehend zu stoppen, da ein Wiedererstarken des Islamischen Staates und eine weitere Destabilisierung der Region drohe. Nach dem Telefonat mit Merkel kritisierte Erdoğan den deutschen Waffenexportstopp öffentlich und fragte, ob Deutschland auf der Seite der Türkei oder auf der der „Terrororganisation“ stehe.[59]

Reaktionen innerhalb der Türkei und Umgang der türkischen Regierung mit Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Journalist der türkischen Tageszeitung BirGün wurde wegen Volksverhetzung festgenommen, nachdem er kritisch über die Offensive berichtet und dabei zivile Opferzahlen genannt hatte.[60]

Die türkischen Behörden leiteten zum Beginn der Offensive etwa 80 Ermittlungsverfahren gegen Personen ein, die „feindliche Propaganda“ verbreitet haben sollen.[61] Kurz darauf wurde der Chefredakteur der Internet-Zeitung Diken, die darüber berichtet hatte, festgenommen.[62] Bis zum 11. Oktober stieg die Zahl der Verhaftungen auf 121 und die der Ermittlungsverfahren auf fast 500.[63]

Präsident Erdoğan drohte wiederholt mit der Öffnung der türkischen Grenzen nach Europa für syrische Flüchtlinge, sollte die EU versuchen, die Militäroffensive als Invasion darzustellen.[64][51]

Reaktionen aus den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scharfe Kritik an Trumps Vorgehen kam von Politikern der Demokraten, jedoch auch von Republikanern im Senat, wie dem „eigentlich als trumployal geltenden“ (Tagesspiegel) Senator Lindsey Graham. Er sagte, Trumps Position sei die der US-Politik vor den Anschlägen des 11. Septembers 2001, nachdem die USA die Entwickung in anderen Ländern nichts angehe. Wenn er so weiter mache, würde das der größte Fehler seiner Präsidentschaft.[25]

Führer und prominente Mitglieder christlicher Gruppierungen in den USA, die zum konservativen Lager gezählt werden, wie Franklin Graham, Andrew Brunson, Erick Erickson oder Fernsehprediger Pat Robertson (Mitgründer der Christian Coalition of America) äußerten offen Kritik oder verurteilten gar die Entscheidung des US-Präsidenten zum Truppenabzug. Sie fürchten in erster Linie, dass christliche Minderheiten in der Region ohne Schutz der Kurden einem erstarkenden IS zum Opfer fallen könnten.[65]

Das US-Verteidigungsministerium forderte am Abend des 11. Oktober 2019 den Rückzug aller türkischen Truppen aus Syrien.[66] Am gleichen Tag drohte der US-amerikanische Finanzminister Steven Mnuchin der türkischen Regierung mit den Worten: „Wenn wir müssen, können wir die türkische Wirtschaft stilllegen.“[67]

Flüchtlinge und Opferzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. Oktober meldete das türkische Verteidigungsministerium, dass bisher 277 kurdische Kämpfer sowie ein türkischer Soldat getötet worden seien. Die türkische Armee habe sieben Grenzdörfer eingenommen, die bei ihrer Ankunft nahezu verlassen gewesen sein sollen.[68] Das UNO-Menschenrechtsbüro teilte mit, dass türkische Truppen und ihnen nahestehende Milizen Angriffe auf zivile Ziele, etwa die Wasserversorgung oder Kraftwerke, durchführten.[69] Bis zum 14. Oktober hatten die Kämpfe etwa 160.000 Menschen in die Flucht getrieben.[49]

Rolle des IS und Sorge vor seinem Wiedererstarken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

US-amerikanische Truppen veranlassten unterdessen offenbar die Verlegung ausgewählter IS-Kämpfer aus dem von Kurden bewachten Gefangenenlager bei al-Haul, um eine mögliche Flucht der Kämpfer im Durcheinander der türkischen Offensive zu verhindern.[4] Verschiedene Seiten warnten vor einem Wiedererstarken des IS – unter anderem durch Gefängnisausbrüche – aufgrund des türkischen Angriffs, der die SDF dazu veranlasste, Anti-IS-Operationen einzustellen und militärisches Personal nach Norden zu verlegen. IS-Schläferzellen hätten ebenfalls bereits Angriffe gestartet,[36] und befreite IS-Angehörige könnten sich auf den Weg nach Europa machen oder von der Türkei für den Kampf gegen die SDF rekrutiert werden.[37]

Die Anzahl der Gefangenen im Lager al-Haul war nach einem UNO-Bericht von weniger als 10.000 im Dezember 2018 auf mehr als 70.000 im April 2019 gestiegen.[70]

Geopolitische Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine entscheidende Rolle beim Auslösen der türkischen Offensive wird US-Präsident Donald Trump zugeschrieben, der offenbar impulsiv gehandelt hatte, als er dem türkischen Präsidenten Recep Erdoğan telefonisch grünes Licht für den Einsatz in Nordsyrien erteilte. Sowohl Russland als auch der Iran hatten zwar den türkischen Präsidenten zur Zurückhaltung aufgefordert, aber, so folgerte der britische Journalist Patrick Wintour im Guardian, würden sie die Gelegenheit, die impulsive Aktion des US-Präsidenten für sich zu nutzen, wohl nicht ungenutzt verstreichen lassen. Wladimir Putin werde es sich zumindest nicht nehmen lassen, die Aktion Trumps, die als Verrat der USA an den Kurden gesehen wird, auszuschlachten, um anderen US-Verbündeten aufzuzeigen, dass die Amerikaner sie im Stich lassen werden, sobald es ernst wird. Wintour verwies dabei insbesondere auf Saudi-Arabien, das im Streit mit dem mit Russland verbündeten Iran liegt.[71]

Weiter könne Putin aber auch eine Lösung des Gesamtkonflikts anstreben und ohne US-Einmischung den „Deal des Jahrhunderts“ zwischen Assads Syrien, der Türkei und den Kurden abschließen. Basierend auf einem dann wiederbelebten Abkommen zwischen Syrien und der Türkei von 1998 könnte die Regierung von Baschar al-Assad dabei Sicherheitsgarantien für die Türkei vor PKK-Angriffen aus Syrien abgeben, für diese Option habe Putin schon über Jahre geworben.[71]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Türkische Militäroffensive in Nordsyrien 2019 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kurden schmieden verzweifelten Deal mit Assads Armee. Spiegel Online, 14. Oktober 2019, abgerufen am 14. Oktober 2019.
  2. Syrian Army to enter strategic city in Raqqa for first time since 2014. 14. Oktober 2019.
  3. Ben Hubbard, Carlotta Gall und Eric Schmitt: Militia Commander Says It Will Attack Turkish Forces if They Enter Syria. New York Times, 8. Oktober 2019.
  4. a b c d e Turkey begins ground offensive in northeastern Syria. aljazeera.com, 10. Oktober 2019.
  5. Erdogan says Turkish-led offensive to extend further along Syrian border. In: Reuters. 13. Oktober 2019 (reuters.com [abgerufen am 13. Oktober 2019]).
  6. Two Turkish soldiers killed in Kurdish militant attack in Syria: ministry. In: Reuters. 11. Oktober 2019 (reuters.com [abgerufen am 13. Oktober 2019]).
  7. a b Violent battles continue in areas in Ras Al-Ayn city and its countryside and in the vicinity of Tal Abyad city in conjunction with heavy ground shelling witnessed in the area. SOHR, 14. Oktober 2019, abgerufen am 14. Oktober 2019 (englisch).
  8. Turkey'neutralizes' 560 terrorists in Syria operation. Anadolu Ajansı, 14. Oktober 2019, abgerufen am 14. Oktober 2019 (englisch).
  9. Thomson Reuters Foundation: Monitor: 104 SDF fighters killed battling Turkish attack. Abgerufen am 13. Oktober 2019.
  10. Die Türkei hat das Völkerrecht nicht auf ihrer Seite. ZEIT ONLINE, 11. Oktober 2019, abgerufen am 11. Oktober 2019.
  11. Türkisches Militär rückt in Grenzstadt Ras al-Ain ein. ZEIT ONLINE, 12. Oktober 2019, abgerufen am 12. Oktober 2019.
  12. Präsident Erdoğan will Nordsyrien von IS und YPG „säubern“. ZEIT ONLINE, 21. Dezember 2018, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  13. Contradicting Trump, Bolton says no withdrawal from Syria until ISIS destroyed, Kurds’ safety guaranteed. Washington Post, 6. Januar 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  14. Recep Tayyip Erdoğan kündigt Offensive in Syrien an. ZEIT ONLINE, 26. Juli 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  15. US-Verteidigungsminister warnt Türkei vor Militäroffensive. Süddeutsche Zeitung, 7. August 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  16. Türkei und USA planen gemeinsames Einsatzzentrum für Sicherheitszone. ZEIT ONLINE, 7. August 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  17. Syrien verurteilt Plan der USA und Türkei für Pufferzone. ZEIT ONLINE, 8. August 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  18. "Das wird ein Ethnozid". ZEIT ONLINE, 8. Oktober 2019, abgerufen am 12. Oktober 2019.
  19. Ein zweites Afrin darf es nicht geben. ZEIT ONLINE, 9. August 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  20. USA und Türkei starten Patrouillen. Der Tagesspiegel, 8. September 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  21. Türkei und USA starten zweite gemeinsame Patrouille in Nordsyrien. ZEIT ONLINE, 24. September 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  22. Recep Tayyip Erdoğan droht mit Militäreinsatz in Syrien. ZEIT ONLINE, 5. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  23. USA machen Weg frei für türkische Militäroffensive. ZEIT ONLINE, 7. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  24. Chaos in Syria, Washington after Trump call with Erdogan unleashed Turkish military. nbcnews.com, 8. Oktober 2019.
  25. a b „Trump hat die Kurden verraten“. Abgerufen am 13. Oktober 2019.
  26. „Dolchstoß in Rücken der Kurden“. Die Tageszeitung, 9. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  27. Donald Trump droht mit Zerstörung der türkischen Wirtschaft. ZEIT ONLINE, 7. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  28. Donald Trump sichert Kurden Unterstützung zu. ZEIT ONLINE, 8. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  29. Türkei beginnt Offensive gegen Kurden. ZEIT ONLINE, 9. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  30. Kurden rüsten sich gegen Angriff. tagesschau.de, 9. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  31. Syrische Kurden verkünden Generalmobilmachung gegen Offensive der Türkei. Welt.de, 9. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  32. Turkey launches military offensive in northern Syria. Deutsche Welle, 9. Oktober 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  33. Bethan McKernan und Julian Borger: Turkey launches military operation in northern Syria. In: The Guardian. 9. Oktober 2019.
  34. a b Tessa Fox: Turkey military operation much larger than anticipated: Analysts. aljazeera.com, 10. Oktober 2019.
  35. Jürgen Gottschlich: Luft- und Bodenoffensive der Türkei: Dutzende Tote bei Syrien-Invasion. TAZ, 10. Oktober 2019.
  36. a b Turkey’s attack on Syria stokes fears of mass Isis prison break. The Independent, 10. Oktober 2019, abgerufen am 10. Oktober 2019.
  37. a b Angst vor den Dschihadisten. ZEIT ONLINE, 10. Oktober 2019, abgerufen am 10. Oktober 2019.
  38. Tens of thousands of civilians flee Turkish offensive in Syria. The Guardian, 10. Oktober 2019, abgerufen am 10. Oktober 2019.
  39. Türkei beschießt offenbar US-Truppen. tagesschau.de, 12. Oktober 2019.
  40. USA werfen Türkei Beschuss amerikanischer Truppen vor. sz.de, 12. Oktober 2019.
  41. Zeina Khodr: Turkish troops seize the centre of Syrian border town. Al Jazeera, 12. Oktober 2019.
  42. Turkey's military operation in Syria: All the latest updates. Al Jazeera, 12. Oktober 2019.
  43. Female Kurdish politician among nine civilians killed by pro-Turkey forces in Syria, observers say. The Guardian, 13. Oktober 2019.
  44. The SDF regain the control of Ras Al-Ayn city almost completely after a counter attack in which 17 members of the pro-Turkey factions were killed. SOHR, 13. Oktober 2019, abgerufen am 13. Oktober 2019 (englisch).
  45. Kämpfe in Nordsyrien: Erbitterte Gefechte mit vielen Toten. tagsschau.de, 13. Oktober 2019.
  46. Bethan McKernan: At least 750 Isis affiliates escape Syria camp after Turkish shelling. The Guardian, 13. Oktober 2019.
  47. Syrian army to enter SDF-held Kobani, Manbij: Monitor. al-Arabiya, 13. Oktober 2019, abgerufen am 13. Oktober 2019.
  48. Ben Hubbard, Charlie Savage, Eric Schmitt und Patrick Kingsley: Abandoned by U.S. in Syria, Kurds Find New Ally in American Foe. nytimes.com, 13. Oktober 2019.
  49. a b US-Truppen sollen aus Nordsyrien abziehen. ZEIT ONLINE, 14. Oktober 2019, abgerufen am 14. Oktober 2019.
  50. U.S. forces try to hinder the deployment of the Russian force and regime forces in the area separating between Manbij Military Council and the factions of “Euphrates Shield”. SOHR, 14. Oktober 2019, abgerufen am 14. Oktober 2019 (englisch).
  51. a b c d UN Security Council divided. aljazeera.com, 11. Oktober 2019.
  52. Türkei startet Bodenoffensive. tagesschau.de, 10 Oktober 2019.
  53. Norwegen stoppt Waffenexporte in die Türkei. Zeit.de, Datum.
  54. Niederlande stoppen wegen Syrien-Offensive Waffenexporte in die Türkei. Zeit.de, Datum.
  55. Liefert Deutschland nun noch Waffen – oder nicht? Deutschlandfunk.de, 13. Oktober 2019.
  56. Frankreich schließt sich Waffenexportverbot an. n-tv.de, Datum.
  57. Bundesregierung stoppt Waffenexporte an die Türkei. Welt.de, abgerufen am 12. Oktober 2019.
  58. Arabische Liga zu Nordsyrien-Offensive „Eine moralische und menschliche Schande.“ tagesschau.de, 13. Oktober 2019.
  59. Merkel fordert Ende der Syrien-Offensive. tagesschau.de, 13. Oktober 2019.
  60. Vorwurf der Volksverhetzung: Türkische Justiz geht gegen Militäroffensive-Kritiker vor. In: Spiegel Online. 10. Oktober 2019 (spiegel.de [abgerufen am 10. Oktober 2019]).
  61. Susanne Güsten: Erdogan antwortet mit Drohungen auf Kritik aus Europa. In: Der Tagesspiegel. 10. Oktober 2019.
  62. „Inshallah werden wir siegen“. Süddeutsche Zeitung, 11. Oktober 2019, abgerufen am 11. Oktober 2019.
  63. 100.000 Menschen wegen türkischer Offensive auf der Flucht. ZEIT ONLINE, 11. Oktober 2019, abgerufen am 11. Oktober 2019.
  64. Wegen Kritik an Offensive: Erdogan droht EU mit Grenzöffnung für syrische Flüchtlinge. In: Spiegel Online. 10. Oktober 2019 (spiegel.de [abgerufen am 10. Oktober 2019]).
  65. Elizabeth Dias: „Shame on Him“: Evangelicals Call Out Trump on Syria. New York Times, 10. Oktober 2019.
  66. Pentagon fordert Rückzug türkischer Truppen. tagesschau.de, 11. Oktober 2019.
  67. USA drohen Türkei mit „harten Sanktionen“. tagesschau.de, 11. Oktober 2019.
  68. Türkei gewinnt nur langsam an Boden. tagesschau.de, 11. Oktober 2019, abgerufen am 11. Oktober 2019.
  69. Über 100.000 Vertriebene nach 48 Stunden. sueddeutsche.de, 11. Oktober 2019.
  70. Twenty-fourth report of the Analytical Support and Sanctions Monitoring Team submitted pursuant to resolution 2368 (2017) concerning ISIL (Da’esh), Al-Qaida and associated individuals and entities, addressed to the Chair of the Security Council Committee, S/2019/570, S. 5.
  71. a b Patrick Wintour: Syria: Erdoğan's eyes more likely to be on Putin than Trump. The Guardian, 10. Oktober 2019.


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