Ludmila Brožová-Polednová

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Ludmila Brožová-Polednová, geborene Ludmila Biedermannová (* 20. Dezember 1921 in Prag, Tschechoslowakei; † 15. Januar 2015 in Pilsen, Tschechien), war eine tschechoslowakische Staatsanwältin. Wegen ihrer Mitwirkung an den stalinistischen Schauprozessen in der Tschechoslowakei der 1950er Jahre wurde sie 2008 zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludmila Biedermannová wurde in einer Arbeiterfamilie geboren (nach anderen Quellen: als Tochter eines Beamten aus der Mittelschicht)[1] und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg als Schreibkraft für die Kommunistische Partei (KSČ). Mit viel Einsatzbereitschaft absolvierte sie 1948–1949 eine einjährige Ausbildung an der „Rechtsschule für Arbeiter“ (Právnická škola pracujících), die nach sowjetischem Vorbild aufgebaut war, und wurde anschließend von der KSČ zur Staatsanwältin ernannt. Beim vorgesehenen Prozess gegen den Priester Josef Toufar sollte sie im Auftrag der Generalstaatsanwaltschaft mitwirken. Der Prozess kam jedoch nicht zustande, weil der Angeklagte bei einem Verhör der Staatssicherheit gefoltert wurde und starb.

In den frühen 1950er Jahren änderte Ludmila Biedermannová auf Vorschlag der KSČ ihren Familiennamen und wählte dazu den Mädchennamen ihrer Mutter, Brožová, der weniger deutsch klang.[2] Polednová ist vom Namen ihres Ehemannes abgeleitet. Bekanntheit erlangte sie in dieser Zeit als Staatsanwältin im Schauprozess gegen Milada Horáková und andere, bei dem die Widerstandskämpferin Horáková sowie Jan Buchal, Záviš Kalandra und Oldřich Pecl zum Tod verurteilt wurden. Am Tag nach der Urteilsverkündung sprach sie auf einer Kundgebung auf dem Prokop-Holý-Platz in Žižkov über den Erfolg des Prozesses. Bei der Hinrichtung war sie, gemeinsam mit ihrem Kollegen Toníček Havelka, anwesend.[3][4][5]

Zwei Jahre später zog sich Brožová aus der Hauptstadt Prag zurück und verbrachte den Rest ihres Lebens im westböhmischen Pilsen. Dort bearbeitete sie von Anfang 1953 bis April 1964 (mit Ausnahme von drei Monaten) alle Anklagen wegen „staatsfeindlicher“ Delikte.[6]

Am 1. November 2007 begann auf Empfehlung der Behörde für Dokumentation und Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus der Strafprozess gegen die seit den 1970er Jahren pensionierte Brožová. Sie war das einzige Mitglied der tschechoslowakischen Justiz, das nach der Samtenen Revolution einem Gerichtsverfahren unterzogen wurde. Wegen direkter Mittäterschaft an vierfachem Justizmord wurde sie am 9. September 2008 vom Obersten Gericht in Prag zu sechs Jahren Haft verurteilt und im März 2009 in eine geriatrische Abteilung des Pilsener Gefängnisses verbracht.[7][8] Staatspräsident Václav Klaus, der ein Gnadengesuch der Generalstaatsanwältin Renata Vesecká zunächst abgelehnt hatte, begnadigte Brožová im Dezember 2010 aus Alters- und Gesundheitsgründen, nachdem sie im Februar 2010 eine ergebnislose Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht hatte. Zur Zeit ihrer Inhaftierung war sie der älteste Gefängnisinsasse Tschechiens.[9] Sie starb 93-jährig in Pilsen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Josette Baer: Seven Czech Women: Portraits of Courage, Humanism, and Enlightenment. Columbia University Press, 2015. S. 129. Online-Teilansicht
  2. Josette Baer: Seven Czech Women: Portraits of Courage, Humanism, and Enlightenment. S. 130.
  3. Interview in Pravo am 10. September 2008.
  4. Pavlína Formánková: Vypořádali jsme se s Horákovou, vypořádáme se i s americkým broukem! In: paměť a dějiny 2007/01
  5. Petr Koura, Pavlína Formánková: Dostala jsem úkol. In: Respekt 32/2007, 5. August 2007.
  6. Ludmila Brožová žalovala stovky osob. In: Lidové noviny 12. Mai 2010.
  7. Prokurátorka procesu s Horákovou dostala 6 let podle práva z roku 1852, Nachrichtenmagazin iDNES-cz, 9. September 2008, online auf: idnes.cz/
  8. Christian Falvey: Former show-trial prosecutor freed by presidential pardon. In: Radio Prag, 22. Dezember 2010 (englisch).
  9. Nachruf Radio Prag, 24. Januar 2015 (englisch).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Petr Zídek: Příběh herečky: dělnická prokurátorka Ludmila Brožová a její svět. Dokořán, 2010.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]



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